Konzept der Gesamtschule lässt Franzosen träumen

Gäste aus  Barlin von Friedhelm Heckemeyer mit deutschem Schulwesen vertraut gemacht

Einige Unterschiede erkannt: Friedhelm Heckemeyer (l.) und Christian Latour (r.) sowie Sylvia Bitter und Sabine Stechmann (Mitte, v. l.) diskutierten über Collége- undGesamtschul-Ausbildung. FOTO: P.PRÖTER

Bünde (p.p.). Falls Bürgermeister Michael Dagbert und Christian Latour, Leiter des Collége Jean Moulin im französischen  Barlin, bald mal angenehm träumen, kann es durchaus sein, dass sich das Collége in eine  Gesamtschule verwandelt. Deren Konzept nämlich, den Gästen gestern vorgestellt durch Friedhelm Heckemeyer, Leiter der Erich-Kästner- Gesamtschule in Bünde, gefiel Latour und Dagbert ausnehmend gut. Und das wird jeder verstehen, dem die Beiden das französische Schulsystem erläutert haben.
Zwar beginnt die Karriere eines Schülers in  Barlin recht verheißungsvoll. Fünf Grundschuljahre liefern zahllose Anhaltspunkte, um anschließend die richtige Wahl einer geeigneten weiterführenden Schule zu treffen. Die Alternativen aber sind ausgesprochen bescheiden, es geht in Frankreich ausschließlich weiter in „Colléges“ – und die unterscheiden sich lediglich in der Trägerschaft (staatlich oder privat). Christian Latour leitet in  Barlin eine staatliche Schule und hat, gemessen an den Möglichkeiten eines Friedhelm Heckemeyer, kaum Gestaltungsspielraum.
Wenn die Kinder aus der Grundschule ans Collége wechseln, ist Latour verpflichtet, sie gleichmäßig auf die neuen Klassen zu verteilen. Jeweils ein Drittel gute, mittelmäßige und schwache Schüler bilden eine Collége-Klasse. In der Absicht, sie nach fünf Jahren alle auf ein gleich hohes Niveau zu bringen. Kritiker hingegen meinen, die Angleichung geschehe mit negativen Vorzeichen.

Musik kennt keine Grenzen: Mit einem musikalischen Abend hießen die Schülerinnen und Schüler der Erich-Kästner-Gesamtschule ihre Gäste aus Barlin am Donnerstag in der Elsestadt willkommen. FOTO:ME

Sind die fünf Collége-Jahre überstanden, stehen die jungen Leute vor der Wahl: praktische Berufsausbildung, weiter Schule (mit Ziel Studium) oder Berufsschule, deren Ausbildung mit der in Industrie, Handel und Handwerk gleichgesetzt wird. Christian Latour berichtete, dass von 150 jungen Leuten seines Abschlussjahrgangs lediglich vier eine Lehrstelle gefunden hätten. Und die anderen 146 haben’s auch nicht leicht, denn sie haben „nur“ ein staatliches Collége besucht (die privaten haben in Frankreich einen viel besseren Ruf und bieten deshalb viel bessere Chancen) und die Berufsschulausbildung hängt von den Collége-Noten ab. Heißt: Friseuse, zum Beispiel, kann man nur werden, wenn der Notenschnitt stimmt.
Verglichen mit dem französischen System, nehmen sich Chancen und Alternativen während und nach der Zeit auf einer NRW- Gesamtschule fast paradiesisch aus. Friedhelm Heckemeyer, Sylvia Bitter, Sabine Stichmann (eifrige Übersetzerin), Antje Stuke (pädagogische Leiterin) und Michael Hafner, die mit den Gästen aus  Barlin Unterschiede zwischen Gesamtschul- und Collége-System erkundeten, entfuhr mehrmals ein „Das darf doch nicht wahr sein!“ Doch ruht die Hoffung auf Europa und darauf, dass sich in diesem Fall Frankreich etwas in Richtung NRW bewegt.