Das Genie im Irrenhaus



Schüler inszenieren Dürrenmatts „Die Physiker“

Bünde (fei). „Was einmal gedacht ist, kann nicht zurückgenommen werden“ – ein kurzer aber wichtiger Satz, der in Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ eine zentrale Rolle einnimmt. Es geht um die Verantwortung der Wissenschaft, gleichermaßen aber auch um die Verantwortung ihrer Nutzer. Fast 20 Jahre nach Beendigung von Ost-West-Konflikt und atomarer Aufrüstung besitzt das Stück noch immer Aktualität und warnt vor Folgen unverantwortlichen Handelns und Denkens. Am Dienstag wurde es erfolgreich vom Literaturkurs der Erich-Kästner-Gesamtschule inszeniert.

„Ich bin Salomo“ – in diesen drei Worten offenbart sich die Tragödie des Johann Wilhelm Möbius. Der geniale Wissenschaftler, der die Welt vor den schrecklichen Folgen seiner Entdeckungen bewahren wollte, indem er sich in ein Irrenhaus flüchtete, ist letztlich zum Scheitern verurteilt – ebenso wie die beiden Geheimagenten Herbert Georg Beutler und Ernst Heinrich Ernesti, die Möbius in den vorgetäuschten Rollen Albert Einsteins und Isaac Newtons dazu bewegen wollen, für ihr jeweiliges politisches System zu wirken.


Nach einem flammenden Appell Möbius’ sind sie bereit, mit ihm in der Nervenheilanstalt zu bleiben und seine Geheimnisse zu teilen – doch vergebens. Fräulein Doktor von Zahnd, ihres Zeichens Chefin der Psychiatrie, hat sich längst der Manuskripte von Möbius bemächtigt und verfolgt auf der Basis seiner Forschungen teuflische Pläne. Möbius, Beutler und Ernesti bleiben als Verlierer zurück, denn nach Morden an ihren Krankenschwestern hat die Ärztin alle drei fest in der Hand. Am Ende bleibt die Frage, wie sowohl jeder Einzelne als auch die Allgemeinheit mit der Verantwortung für wissenschaftliche Erkenntnisse umgeht, die – wie es nicht zuletzt die Atombombe beweist – nicht immer ein Segen für die Menschheit sind.


Unter der Leitung von Maike Friedrich-Zander und Marco Fügenschuh setzten die 20 Mimen des Literaturkurses Dürrenmatts Komödie sehr engagiert in Szene. Selbst die äußerst erfolgreich verlaufene Generalprobe – in Theaterkreisen stets ein schlechtes Omen für die Aufführung – konnte die teils verblüffenden Leistungen der Nachwuchs-Schauspieler nicht einschränken. Sonderapplaus verdiente sich dabei besonders Judith Ogiesoba, die in der Rolle der Ärztin von Zahnd auftrumpfte und den Wahn der Medizinerin zunächst gekonnt vertuschte und zu guter Letzt aufblitzen ließ. Doch auch die anderen Akteure machten eine gute Figur. Sebastián Tenta fiedelte sich als Einstein mit Violine und verklärtem Blick über die Bühne, Marius Ortmanns Newton stellte die Bedächtigkeit des Agenten in den Vordergrund und Matthias Kowalewsky zeigte als Möbius ein Wechselspiel zwischen Wahnsinn und Realität.


Einen faden Beigeschmack hinterließen lediglich einige nicht besetzte Stuhlreihen. Diejenigen, die es nicht zur Premiere schafften haben jedoch eine zweite Chance: Am heutigen kommenden Montag findet um 19 Uhr eine weitere Aufführung im Forum Ennigloh statt.