"Geht auf die Straße"
INTERVIEW: Friedhelm Heckemeyer, Erich-Kästner-Gesamtschule
Hat alle jungen Leute im Blick: Friedhelm Heckemeyer, stellvertretender Leiter der Erich-Kästner-Gesamtschule, wünscht sich nicht nur für Gymnasiasten und Einserschüler, sondern auch für alle Gesamt-, Haupt- und Berufsschüler sowie Lernbehinderte eine Berufschance. FOTO: AW
Bünde. In 80 Städten gingen Schüler und Studenten am Mittwoch deutschlandweit auf die Straße und protestierten gegen das Abi nach zwölf Jahren, gegen Kopfnoten und für bessere Bildung. NW-Volontärin Anne Webler sprach mit Friedhelm Heckemeyer, dem stellvertretenden Leiter der Erich-Kästner-Gesamtschule in Bünde, über die Forderungen der Schüler beim Bildungsstreik.
Herr Heckemeyer, sind auch Schüler Ihrer Schule am Mittwoch zur Demo nach Herford gefahren?
HECKEMEYER: Ja. Allerdings nur etwa zehn Schüler aus dem SV-Insiderkreis. Der Aufruf der Bezirksschülervertretung zum Streik ist bei uns leider nicht angekommen. Außerdem ist die Stufe 11 im Praktikum, die 12. Jahrgangsstufe weilt auf Kursfahrt in Ägypten.
Das klingt so, als würden Sie die geringe Teilnahme am Streik bedauern.
HECKEMEYER: Ich stehe dem Bildungsstreik positiv gegenüber. Der Aufruf war nicht diffus, so nach dem Motto „wir sind für oder gegen etwas“, sondern die Schüler und Studenten haben klar formulierte Ziele. Deshalb unterstütze ich die jungen Leute, die sich auf den Weg nach Herford gemacht haben.
Stehen Sie hinter den Forderungen der Schüler?
HECKEMEYER: Absolut. Es muss mehr getan werden für Bildung, auf allen Ebenen. Das würde ich fünf Mal unterschreiben. Das Land darf nicht nachlassen in seinem Engagement.
Eine Forderung der Schüler ist mehr individuelle Förderung.
HECKEMEYER: Die würde ich gerne ausbauen und die Schüler-Lehrer-Relation verbessern. Wenn wir zwei Lehrer mehr hätten, wären das 50 zusätzliche Stunden pro Woche. Dann könnten wir mehr in Kleingruppen arbeiten und mehr individuell fördern.
Was heißt eigentlich individuelle Förderung?
HECKEMEYER: Es bedeutet, zu analysieren, was den Fehlern der Schüler zugrunde liegt. Schreibt ein Mädchen die Worte richtig, aber ohne Satzzeichen, analysiert der Lehrer in der individuellen Förderung, warum das Mädchen Schwierigkeiten hat, Sätze zu gliedern und setzt dementsprechend in der Förderung an. Es geht darum, die Stärken eines Kindes zu sehen und zu unterstützen, aber auch die Schwächen im Blick zu haben.
Wird individuelle Förderung immer wichtiger?
HECKEMEYER: Absolut. Der Lerndruck nimmt zu, da ist es wichtig, die Schüler in ihren individuellen Bedürfnissen und Erwartungen zu unterstützen.
A propos Lerndruck: Die Schüler fordern ein Abi nach 13 Jahren.
HECKEMEYER: Ja. Bei uns an der Gesamtschule haben wir nach wie vor das Abi nach 13 Jahren. Eine Verkürzung auf 12 Jahre bedeutet einen erheblichen Leistungsdruck. Auch für Freizeit bleibt den Schülern weniger Zeit.
Sind Sie froh, dass es bei Ihnen noch 13 Schuljahre sind?
HECKEMEYER: Im Grunde schon. Angesichts der Umstellung von 13 auf 12 Jahre müssen wir uns fragen: Was macht Lernen in der Schule aus? Soll sich alles auf die zentralen Abschlüsse nach Klasse 10 und 12 konzentrieren? Oder lassen wir Raum für soziales Lernen, für Theater und Projekte? Schule soll nicht nur ein Hinbolzen auf Prüfungen sein. Die Schüler sollen politische Verantwortung und Teilhabe auch am kulturellen Leben lernen. Früher bin ich mit Klassen ins Theater gegangen. Dafür ist jetzt keine Zeit mehr.
Die Schüler fordern auch, die Kopfnoten wieder abzuschaffen. Was halten Sie von Kopfnoten?
HECKEMEYER: In den Klassen fünf bis zehn haben sie noch eine gewisse pädagogische Funktion. Sie können einen Schüler vielleicht bewegen, sein Verhalten zu ändern. Aber ich habe ein großes Problem damit, auf ein Abizeugnis Kopfnoten zu schreiben.
Weil Sie fürchten, bei einer schlechten Kopfnote dem Schüler seine berufliche Laufbahn zu verbauen?
HECKEMEYER: Einmal das. Und dann attestieren wir einem 19-Jährigen die Hochschulreife, wollen sein Verhalten aber noch bewerten – das passt doch nicht zusammen.
Dass heißt, Sie wären dafür, die Kopfnoten in der Oberstufe abzuschaffen?
HECKEMEYER: Das kann man so formulieren, ja.
Gut, vielen Dank...
HECKEMEYER: Wir haben jetzt nur über Schüler an Gymnasium und Gesamtschule geredet. Mir geht es aber auch um die Berufsschüler und die Studenten. An den Hochschulen muss genau geschaut werden, wofür die Studiengebühren verwendet werden. Wenn damit Haushaltsdefizite der Unis gedeckt werden, ist das falsch. Sie sind dafür da, die Studienbedingungen zu verbessern. Mein Sohn saß mit 700 Leuten im Hörsaal. Da sage ich den jungen Leuten: Geht dafür auf die Straße.