Gedenken auch Mahnung für Zukunft
Volkstrauertags-Gedenkstunden am Nordring und am Ennigloher Ehrenmal
"Sag' mir, wo die Blumen sind" Der Unterstufenchor der Erich-Kästner-Gesamtschule Bünde übernahm die Einstimmung der Gäste auf die Gedenkfeier am Ennigloher Ehrenmal. FOTOS: PAUL PRÖTER
VON FELIX EISELE UND PAUL PRÖTER
Bünde. Bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen im Bünder Land wurde am gestrigen Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Und Vertreter aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens versammelten sich an den Ehrenmalen, um die Erinnerung an die Schrecken des Krieges nicht verblassen zu lassen.
„Unsere gemeinsame Trauer um die Opfer von Krieg und Gewalt trägt die Hoffnung und Zuversicht in sich, dass ein friedliches Miteinander der Völker möglich sein kann“, erklärte Bürgermeister Wolfgang Koch bei der Kranzniederlegung auf dem Bünder Ehrenfriedhof, rief jedoch gleichzeitig zu Achtsamkeit und Besinnung auf: „Die Schicksale der Opfer und das Leid der Angehörigen sind eine Mahnung für unsere und für zukünftige Generationen“. Hilfsbereitschaft, Toleranz und Mitgefühl bezeichnete er in diesem Zusammenhang als die „wirklichen Werte im Leben“, die es gelte, zu achten.
Ähnlich äußerte sich die Arbeitsgemeinschaft „Arbeit für den Frieden“ der Realschule Bünde Nord bei der anschließenden Gedenkstunde im Bünder Ratssaal. „Krieg, Gewalt, Terror, Verletzung von Menschenrechten, Vorurteile und Intoleranz sind auch heute immer noch aktuell, auch wenn wir uns in der Illusion wiegen, ohne Krieg zu leben“, gaben die Sprecherinnen Kathleen Gorwa, Sandra Ortmann und Sabina Richter zu bedenken. Bestätigung erhielten sie von Thorsten Kröger vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“. Dass die aktuellen Ereignisse in Afghanistan verfassungsrechtlich als „kriegsähnlicher Zustand“ definiert werde, sei nichts weiter als eine schreckliche Verharmlosung: „Auch wenn ein Krieg nicht vor unserer Haustür stattfindet, ist es doch ein Krieg!“, mahnte Kröger zur Stärkung des Friedens.
Keine Parteigrenzen: Petra Karmann (SPD) und Karola Clausmeier (CDU, r.) legten namens der Stadt einen Kranz in Ennigloh nieder.
An diesen habe man sich laut Oberstarzt Günther Massow hierzulande inzwischen gewöhnt. „Doch ich erinnere Sie daran, dass der 3. Weltkrieg bereits stattgefunden hat“, fügte er angesichts rund 20 Millionen unbekannter toter Menschen seit 1945 hinzu und rief die Menschen zu Mitmenschlichkeit und zur Wahrung des Friedens auf. Nach wie vor sei der Frieden massiv durch Pulverfässer an den Nahtstellen der Welt gefährdet.
Auf diese Pulverfässer gingen die Redner auch bei der Volkstrauertags-Gedenkfeier am Ehrenmal in Ennigloh ein. Zum Beispiel Martin Wieske, Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Stadtteil Ennigloh/Muckum und als Gastgeber der Gedenkfeier etliche Jahre lang „eine Art Alleinunterhalter“ (O-Ton Wieske). Zwar habe die Gedenkfeier am Ennigloher Friedhof eine lange Tradition, zum Beispiel bei den Vereinen. Viel neuen Schwung aber bekam die Sache erst, als Martin Wieske in der Erich-Kästner-Gesamtschule einen Partner fand, der sich eifrig an der Gestaltung des Festaktes beteiligt.
Stilles Gedenken: Bürgermeister Wolfgang Koch bei der Totenehrung auf dem Bünder Ehrenfriedhof ak Nordring. FOTO: FELIX EISELE
Das geschah zum ersten Mal anno 2004, die Beteiligung der jungen Leute jährte sich jetzt also zum fünften Mal. Und diesmal waren neben dem Unterstufenchor (er sang unter anderem Marlene Dietrichs bewegendes Lied „Sag’mir, wo die Blumen sind“) auch hoch begabte Solistinnen dabei. Inke Adam und Lena Tiemann trugen zunächst ein Stück für zwei Gitarren vor, dann stimmte Julia Wolf-Buchholz ein bewegendes Vokal-Solo an, das die junge Frau ganz persönlich ihrem Opa und ihrer Oma widmete. Begleitet – und auf den Auftritt intensiv vorbereitet – wurden die jungen Leute durch die beiden Pädagogen Manfred Holzkämper und Frank Wiemann. Und nach der Kranzniederlegung durch Vertreterinnen der Stadt Bünde sowie Repräsentanten der zahlreichen Ennigloher Vereine (zum Beispiel TG Ennigloh, Sozialverband und Schützen) sprachen Schülerinnen und Schüler der Gesamtschul-Jahrgangsstufe 10 das Totengedenken.
Friedhelm Heckemeyer, Konrektor der Erich-Kästner-Gesamtschule und Leiter deren Bünder „Filiale“ im Schulzentrum Nord, begrüßt im Übrigen sehr die Beteiligung seiner Schüler an der Gedenkfeier.
Viele Jahre lang, erinnerte sich Heckemeyer im Gespräch mit der NW, habe man die Befürchtung hegen müssen, dass solche Volkstrauertags-Gedenkstunden nur noch Sache betagter Mitbürger seien. Dadurch, dass sich nun auch viele Schüler daran beteiligen, sei ihm nicht mehr bang um die Zukunft des Totengedenkens. Und durch das Mitwirken der Jugend bekomme solch eine Feier zusätzlich auch eine Perspektive für die Zukunft. Es gehe also nicht mehr nur darum, der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken, sondern gleichzeitig auch etwas für ein künftig friedlicheres Zusammenleben der Völker zu tun.
Mit Blick auf aktuelle Ereignisse natürlich. Und so erinnerten sowohl Pfarrer Stuke, der die Gedenktagsrede seiner erkrankten Frau Antje, Lehrerin an der Erich Kästner-Gesamtschule, vortrug, als auch Martin Wieske daran, dass 70 Jahre nach Ausbruch des 2. Weltkrieges und in einer vermeintlich befriedeten Welt deutsche Soldaten Dienst für den Frieden in Afghanistan tun – und einige auch schon ums Leben gekommen sind.
Von den Nazis missbraucht
| Die Nationalsozialisten übernahmen den Volkstrauertag und legten ihn als staatlichen Feiertag fest. Mit dem Gesetz über die Feiertage vom 27. Februar 1934 wurde er in Heldengedenktag umbenannt und sein Charakter alsdann vollständig verändert. Nicht mehr das Totengedenken sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die „Heldenverehrung“. Träger waren die Wehrmacht und die NSDAP. Propagandaminister Joseph Goebbels erließ die Richtlinien über Inhalt und Durchführung. Die Flaggen wurden nicht mehr – wie zuvor – auf halbmast gehisst, sondern vollstock gesetzt. Im Jahr 1939 wurde der Heldengedenktag auf den 16. März verlegt, den Tag der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, wenn dieser Tag auf einen Sonntag fiel. Wenn nicht, sollte er am Sonntag vor dem 16. März begangen werden. Damit wurde die Bindung an den christlichen Kalender aufgegeben. Der letzte Heldengedenktag wurde 1945 begangen. |